Xerokampos (Kreta)
Kreta. Südosten. Xerokampos. Weitweg von vielem, ganz nah dran an manchem. Dorthin fahren, wo kaum einer bleibt. Um den Sommer zu verlängern. Einen Sonnenaufgang, den Morgen, den Vormittag, den Tag, die Woche, den Monat oder ein ganzes Jahr für sich zu sein. Und dabei auch jeden Sonnenuntergang ganz für sich allein zu haben. Eine einzige Taverne im nahen Dorf reicht. Der nächste Laden ist erst in der Stadt, hoch in den Bergen. Den weiten Strand und das blaue Meer allein zu genießen, ohne sich einsam zu fühlen. Xerokampos ab Mitte Oktober heißt, dort verweilen, wo keiner (mehr) ist.
Lost & lonely & happy.
"This is the road to nowhere ..." -
Man könnte hier stundenlang Talking Heads hören. Denn sonst hört man wenig. Ab und an den Wind, ein Schaf, ein Auto - alle arbeiten sich an den Bergen ab. Nach Xerokampos muss man nicht nur hinfinden, sondern von dort auch wegwollen. Und das geht nur über die Berge, mit dem Auto ... oder im Gedanken. Kreta hat - wie viele Inseln - eine ganz eigene Melodie, die sich hier durch die Schluchten oder entlang der Serpentinen runterschlängelt bis zum Meer.
Die Weinkarte, bitte!
Wenn der Grieche mal nicht tanzt, wird in der Taverne zum Beispiel Karten gespielt. Das Glas voll guten Hauswein ist dabei genauso in Reichweite wie das so oft zitierte Glück im Spiel. Die vielleicht wichtigste Trumpfkarte der Griechen - zumindest an so versteckten Orten wie Xerokampos: Gelassenheit, verbunden mit der Gewissheit, das im Leben die Karten zum Glück immer mal wieder neu gemischt werden. Von wem auch immer.
Urgewaltenteilung.
Gelegen zwischen Afrika und Europa: Was Kretas Lage in mancher Hinsicht so attraktiv macht, macht die Insel in tektonischer Hinsicht sehr fragil. Kreta ist - wie die gesamte mediterrane Region - sozusagen ein klassisches Erdbeben-Einzugsgebiet. Bei einem Beben am 12. Oktober 2021 wurde rund 20 Kilometer östlich von Xerokampos ein Skalenwert von 6,3 gemessen. Zuviel für die kleine Kapelle. Nur die Fassade blieb und damit die Glocke. Eines Sonntags stand ein Radlader davor. Ein Bauer steuerte das Gerät und hob die Schaufel an, ein anderer stand darin, montierte die Glocke ab und rettete sie - vielleicht für eine neue Kirche. Den Segen von Lost&lonely hat sie jetzt schon.
Ansichten zu Aussichten
Was für Aussichten? Was für Farben? Was hier tun?
Am besten gar nichts, den Tag und das Meer genießen. Am Strand hin- und herlaufen, hier und dort eine Krabbe beobachten, oder einen Angler - beide auf der beharrlichen Suche nach einem Fang. Oder einfach da sein bzw. hier sein, schauen und herunterkommen - all das geht (selbst) auf Kreta. In Xerokampos, wenn alle anderen weg sind. Wenn man sich darauf einlässt. Meine Empfehlung: am besten ab Mitte Oktober anreisen, wenn Tage und Meer noch warm sind und die Farben noch wärmer. Alles hat man dann für sich ganz allein.
Göttlicher Besuch
Majestätisch, fragil, neugierig: eine Gottesanbeterin gab sich bzw. mir an einigen Tagen die Ehre und schaute vorbei. Nun, ganz vorbei eher nicht, wie man sieht. Eher starrte Gottes Kreatur bzw. ein Wesen aus einer scheinbar andere Welt mich direkt an. Mit einer Gelassenheit, wie sie einer Göttin im Tierreich von Natur aus vermutlich einfach auch zusteht. Ich schaute stets freundlich zurück - und beobachtete neugierig ihr Verharren. Vermutlich warteten wir schon aufeinander.
Before Sunrise
Bevor der Tag kommt, kommen die Farben. Und diese kommen nicht nur pünktlich, sondern in voller Pracht. Zumindest an manchen Tagen. Im späteren Oktober oder November so ab 6.30 bis 7 Uhr. Für mich als geborenen Frühaufsteher war das überhaupt kein Problem. Der erste Kaffee war fix gekocht und die Sinne sind bereits wach oder zumindest bereit, sich einzulassen. Erstaunlich immer wieder, wie gelassen das Meer dabei bleibt - angesichts dieser Pracht. An manchen Tagen ...
Ruhesitz auf Kreta
Ein paar Paletten von der letzten großen Baustofflieferung im Dorf weiter oben oder von der nächsten Oliven-Plantage, ein bisschen handwerkliches Geschick und vor allem das Motto aller Immobilienszenarien: "Lage, Lage, Lage!"
Also den richtigen Platz finden - und schon ist der perfekte Ruhesitz auf Kreta fertig. Hier habe ich des Öfteren den ersten Kaffee oder einen letzten Wein, den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang genossen ... und die Stille ... und die Aussicht ... und die Welt.
Und auf Wunsch: auch ganz allein - Lost&lonely halt.
Oliven, stillgestanden!
Wie eine Armada der besonders stolzen Bäume, aufgestellt in Reih & Glied, bereit für die Ernte und deren Helfer. Der "Nationalbaum Kretas", ihr Stolz, ihr Geruch, ihr Geschmack - das alles prägt die Insel und beschäftigt diejenigen, die auf ihr leben. Manchmal stehen sie still und gelassen in Reihen auf Plantagen bis knapp vor dem Horizont, mitunter nur ein paar Bäumchen im privaten Garten - immer am Wachsen und darauf bedacht, den flüssigen National-Rohstoff Kretas in Hülle und Fülle bedächtig reifen zu lassen.
Erntedankzeit
Ab Mitte Oktober und je nach Witterung und Lage bis in den Januar hinein ist Kretas Landbevölkerung von morgens bis abends beschäftigt. Überall wuseln fleißige Männer und Frauen aus den nahen Dörfern und legen Planen um die Bäume aus. Zeit für die Olivenernte. Mit Knüppeln und Latten oder mit allerlei merkwürdigen Geräten wird an den Ästen entlang gefahren, gerüttelt oder gedroschen, um die noch bitteren Früchte niederprasseln zu lassen. Auf den Planen werden sie aufgelesen und verladen, bis es schließlich weitergeht zur nächsten Plantage. Erst wenn es dunkel ist, kommt die Zeit für einen Ouzo und für ein kleines Erntedankfest aller Helfer.